Pressekritik zum CD-Release-Konzert in Sulzbach/Murr

Noch immer rollt der Fünfer heim

CD-Präsentations-Konzert in der Sulzbacher Festhalle mit Stargast Paul Vincent – „Schwabenrock- Die Zweite“

Ziemlich genau vor einem Jahr, im November 2013, beschließen Paul Vincent und Gitze nach dem gelungenen Release-Konzert der ersten gemeinsamen Live-CD mit Titeln von Wolle Kriwanek „…mal wieder was miteinander zu machen“.

Paul Vincent ist ein viel beschäftigter Mann, er ist der musikalische Kopf hinter allen Kriwanek-Songs, hat sein Studio in der Nähe von München, und so könnte man diesen Satz als reine Höflichkeitsfloskel abtun. Das musikalische Äquivalent zu „Ich komm dich mal besuchen“, das man der Urlaubsbekanntschaft zum Abschied mit einem Hände-schütteln erwidert.
Und mit dem “Fünfer” gehen dann alle “hoim” – ein erschöpfter aber zufriedener Gitze und ein glückliches Publikum, das vereinzelt auf dem Heimweg noch die eine oder andere Melodie vor sich hinsummt. Aber Paul Vincent ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Und so steht Gitze mit Band im November 2014 in der Sulzbacher Festhalle auf der Bühne und stellt dem zahlreich erschienenen Publikum sein Studioalbum „Schwabenrock – Die Zweite“ vor. An seiner Seite gleich ab dem ersten Song – kein geringerer als Paul Vincent selbst. Es geht sofort richtig los mit „Die große Flut kommt“, die Bühne ist in blaues Licht getaucht, Pauls sphärisches Solo ist gleich ein Höhepunkt. Doch es folgt Kracher auf Kracher, das gesamte erste Set besteht aus Titeln zum Aufwärmen, wobei dies gar nicht nötig wäre, denn die Zuhörer sind sofort dabei. Ob „Knallroter Porsche“ oder der PS-Walzer „I fahr Daimler“, ob uff’m Wasa die Hasa grasen oder die Frage gestellt wird „Reggae I di uff?“ – das Publikum singt streckenweise sämtliche Texte mit. Vincent und Kriwanek haben mit ihren Liedern schwäbisches Kulturgut geschaffen, das auch über zehn Jahre nach dem Tod des Wahl-Backnangers Wolle fester Bestandteil der Musikszene im Süden ist. Aktuell ersichtlich ist dies an der alljährlich stattfindenden SWR-Hitparade der besten 1000 Titel, wo immerhin vier Kriwanek-Songs vertreten sind. Stolz liest Paul Vincent die Platzierungen vor. Platz 292: aus dem Saal setzt nach dem ersten Akkord bereits ein „Duwaah-dupduwah“-Chor ein, und das Publikum beteuert gemeinsam mit Gitze „I han’ a Ufo gseh!“.

Nach der Pause steht Gitze zunächst ganz allein auf der Bühne. Zum Halbplayback (dem einzigen, denn wie Paul Vincent betont: „Rock ’n’ Roll muss live gespielt werden!“) singt er Steppenwolf, ein Lied mit einer Botschaft, die auch 40 Jahre nach Entstehung nichts von der Aktualität verloren hat. Vincent kommt beim nächsten Song dazu, nur mit der Akustikgitarre begleitet er bei dem wunderschönen Liebeslied „Nur du“, das von Gitze sehr facettenreich und mit Herz gesungen wird. Dann stürmt wieder Gitzes Band die Bühne, alles durch die Bank richtig gute Musiker. Werner Müller, ein echtes Bühnentier, spielt einen außergewöhnlich prägnanten Bass, Schlagzeuger Boonkid Jackson ist präzise wie ein Schweizer Uhrwerk und kann sowohl filigran als auch richtig mit Wumms, Keyboarder Willi Keller hat ein ausgezeichnetes Händchen dafür, Akzente zu setzen ohne alles mit einem Harmonieteppich zu bedecken – und „Kuddel“ Stahl, selbst ein hervorragender Gitarrist, hat keinerlei Ego-Probleme und hält sich im Hintergrund, um Paul Vincent den Vortritt zu lassen. Und das macht Stahl auch noch sichtlich viel Freude.

Abgerundet wird der Abend durch den Mann am Mischpult: Uli Eisner, der Original-Kriwanek-Mischer, hat sich die Zeit genommen. Über drei Stunden dauert das Konzert, vielen ist gar nicht bewusst, wie reichhaltig der musikalische Fundus des schöpferischen Duos Kriwanek/Vincent eigentlich ist. Gitze schont sich nicht, gibt alles. Zum Schluss darf als allerletzte Zugabe ein Titel nicht fehlen. Bei der SWR-Hitparade ist dieses Lied auf Platz 157 gelandet: „Stroßaboh“. Und mit dem „Fünfer“ gehen dann alle „hoim“ – ein erschöpfter aber zufriedener Gitze und ein glückliches Publikum, das vereinzelt auf dem Heimweg noch die eine oder andere Melodie vor sich hinsummt.

Marina Heidrich (Backnanger Kreiszeitung, 17.11.2014)

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