Wolle Kriwanek und Paul Vincent – BLUES DES KLEINEN MANNES AUF SCHWÄBISCH

Ostersonntag 2003, es ist der 20. April: Wolle Kriwanek, der Pionier des schwäbischen Mundartrock, stirbt völlig überraschend. Die Nachricht ist ein Schock für alle, die den Wahlbacknanger persönlich kannten oder auch nur seine Lieder liebten.

Elf Tage vor seinem Tod durch den Bruch einer Schlagader, am 9. April 2003, gab Wolle Kriwanek mit seiner Band noch ein Konzert in der Sulzbacher Discothek Belinda. Im Monat zuvor erschien das 13. Album: „Zucker & Salz“. Auch nach vielen Jahren Bühnenerfahrung  war Wolle Kriwanek bis zuletzt bei seinen Auftritten von Lampenfieber geplagt. Wenn er aber vors Publikum trat, merkte man ihm davon nichts mehr an.

Am 24. Mai 2003 hätte die Wolle-Kriwanek-Band zusammen mit anderen Acts auf dem Stuttgarter Schlossplatz zum 100. Geburtstag des ADAC spielen sollen. Für die übrigen Bandmitglieder stellte sich nun die Frage, ob und wie sie nun nach dem plötzlichen Tod ihres Frontmanns weitermachen sollten. Dass die Band später in Vincent Rocks aufging, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Und es kam an diesem 24. Mai zu folgender Szene, bei der sich die Themen Geburt und Tod ganz nahe waren: Die Band von Wolle Kriwanek kam auf die Bühne und kündigte ein Gedenkkonzert für ihren Frontmann an. Bilder von Wolle Kriwanek wurden auf die Leinwände projiziert. Die Besucher würdigten das Schaffen des verstorbenen Sängers mit Beifall, danach feierten sie mit den Rattles und Scorpions weiter den Geburtstag des Automobilclubs.Beim Wolle-Kriwanek-Memorial-Konzert am 11. Juli 2003 in der Stuttgarter Schleyerhalle sangen Kollegen aus der Branche die altbekannten Lieder.

Emotional wurde es stets bei Kriwaneks Konzerten, wenn der am 29. Dezember 1949 in Stuttgart-Stammheim geborene Sänger voller Inbrunst „Sing Hallelujah“ intonierte. Eine Hymne an die von ihm verehrte Mahalia Jackson. Oft waren seine Schüler bei seinen Gigs in der vordersten Reihe und jubelten ihm zu: Denn Wolle Kriwanek hatte nur einige Zeit ausschließlich auf eine Karriere als Musiker gesetzt, Mitte der 1980er-Jahre war er wieder in seinen ursprünglichen Beruf als Sonderschullehrer zurückgekehrt.

An der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg hatte Kriwanek Englisch und Geografie studiert. Danach unterrichtete er zwei Jahre lang an der Sonderschule für Lernbehinderte in Ditzingen. In den Jahren 1974 bis 1976 studierte er Lernbehinderten- und Verhaltensgestörtenpädagogik an der damaligen Pädagogischen Hochschule Reutlingen. Das 2. Staatsexamen legte Kriwanek an der Metter-Schule ab, einer Schule für Lernbehinderte in Bietigheim-Bissingen. Weil das Geschäft mit der Musik zu diesem Zeitpunkt so gut lief, entschloss sich Kriwanek zunächst, als Berufsmusiker sein Geld zu verdienen. Bis zum Jahr 1986. Danach war wieder Schuldienst angesagt: an der Bodenwaldschule der Paulinenpflege Winnenden, einer Sonderschule für Erziehungshilfe. Zuletzt unterrichtete Kriwanek in einer Außenstelle der Schule in Backnang. Mit seinen Schülern produzierte er sogar gemeinsame Songs.

Von seinem letzten Wohnsitz aus konnte Wolle Kriwanek alljährlich auf den Platz blicken, auf dem seine musikalische Karriere begann: die Bühne des Backnanger Nachwuchsfestivals, das 1971 noch Schlagerwettbewerb hieß. Ein Wolfgang Kriwanek aus Stuttgart, damals noch ohne Afrolook, aber mit Bart, der seit 1965 als Gitarrist und Trompeter in der Band Muli and his Misfits Soul- und Bluesnummern gespielt und mit dieser Formation schon einmal einen Wettbewerb auf dem Killesberg gewonnen hatte (1967 beste Amateurband Süddeutschlands), siegte in jenem Jahr mit dem Song „Sunny“ – ein Platzregen begleitete den Auftritt.

Sah es in den Jahren zuvor noch ziemlich düster aus mit den Chancen von Mundartsängern, ihre Titel im Radio unterzubringen, änderte sich dies nun langsam. Kriwanek jedenfalls wurde 1975 beim SDR-Wettbewerb „Bester Liedermacher von Baden-Württemberg“ als solcher auserkoren. Und in Backnang war er immer wieder musikalischer Gast beim Schlagerwettbewerb. „Sunny“ Kriwanek nannte man ihn zuweilen. Doch aus Sunny wurde bald Wolle. Ein Rundfunk-Journalist soll ihn einmal als den „blondesten Neger, den es je gab“ bezeichnet haben – den Afrolook, der seit Mitte der 70er-Jahre Kriwaneks Markenzeichen war, kann man im Rückblick als perfektes Marketing-Element sehen.
Die Wolle-Kriwanek-Band schaffte es, einen eigenen Stil zu kreieren, englische Ausdrücke wurden schon mal geschickt in die Texte eingebaut, bekannte Volkslieder bekamen einen bluesigen Anstrich – oder sie steuerte Titel für sportliche Anlässe bei („Ready, Steady, Go!“ für die Leichtathletik-Europameisterschaften 1986 in Stuttgart, einen Song für die Silver Arrows von Mercedes in der Formel 1 oder „Stuttgart kommt!“ für den VfB Stuttgart). Das letzte Werk der Wolle-Kriwanek-Band war ein Lied zur innerdeutschen Bewerbung von Stuttgart für die Olympischen Spiele 2012.

Ironisch beschrieb Wolle Kriwanek oftmals die Lebenswelten und Träume von Kleinbürgern. Er nahm Spießer oder trendgläubige Cowboys aufs Korn. Doch es gibt auch ernste Titel wie „Keimfrei“ über Aids. Unvergessen Kriwaneks Songs wie der „Badwanna Blues“, „Stroßaboh“,  „Ufo“, „Reggae di uf?“ oder „Stuttgart. Vom schwäbischen Minderwertigkeitskomplex, den Kriwanek immer wieder anführte, wenn es um die Akzeptanz schwäbischer Mundartmusik ging, war in diesen Momenten nichts mehr zu spüren. Das Publikum feierte ihn als Schwabenrocker. Eine Bezeichnung, die er nicht mochte, die ihm aber anhaftete wie eine Klette. Und doch sind es genau die Lieder, die ihn zum Schwabenrocker machten, die auch heute gerne zitiert werden.

Seit 1975 war Wolle Kriwaneks Karriere von der Zusammenarbeit mit Paul Vincent geprägt. Paul Vincent gab der Band als Komponist einen unverwechselbaren Charakter, auch beim Texten der Lieder unterstützte er den Frontmann. Zudem gab Vincent den Songs mit seiner Slide-Guitar rockigen Pepp. Ausflüge in die hochdeutsche Sprache gab es nur am Rande. Die Fans wollten Wolle Kriwanek schwäbisch singen hören. Mundartsongs mit erdigem Sound, kraftvollem  Rhythm & Blues, der gewürzt war mit einer Prise Soul – das war’s. Neben Paul Vincent spielten in der Wolle-Kriwanek-Band bis zuletzt Bassist Mick Brehmen (gestorben am 17. April 2010 im Alter von 58 Jahren) und  Schlagzeuger Dieter Stümpfl.

In Backnang war Kriwanek viele Jahre Jurymitglied beim Nachwuchsfestival. In der  „Sonntag Aktuell“ hatte er eine Kolumne, in der er Nachwuchsmusiker porträtierte. 1996 wurde er Vorsitzender der damals neu gegründeten Rockstiftung Baden-Württemberg (Sitz Baden-Baden). Aus dieser Initiative entstand 2003 die Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Im Jahr 2000 bekam Wolle Kriwanek einen außergewöhnlichen Preis. Er wurde zum Regionauten gekürt (heute Hans-Peter-Stihl-Preis). Kriwanek engagierte sich ehrenamtlich  in verschiedenen Arbeitsgruppen des Forums Region Stuttgart. Dabei war ihm nicht nur die Förderung der Rock- und Popmusik ein Anliegen. Auch sein Engagement für verhaltensauffällige Jugendliche brachte er in die Gremien ein. 2002 wurde die „Songparade“ herausgegeben, Materialien für das Englischlernen in der Grundschule mit Musik Kriwaneks. „Der Zwölftonkavalier“ heißt das 2002 im Foyer des SI-Zentrums uraufgeführte Musical von Adrian Werum, für das Wolle Kriwanek die Texte geschrieben hatte.

Am 25. April 2003 wurde Wolle Kriwanek unter großer Anteilnahme auf dem Backnanger Friedhof beigesetzt. In Stuttgart-Stammheim gibt es seit Mai 2009 eine Wolle-Kriwanek-Straße. Auch in Backnang hat man dem Sänger und Gitarristen in der Katharinenplaisir einen Weg mit seinem Namen gewidmet. Der Wolle-Kriwanek-Förderpreis wurde ins Leben gerufen und wird jedes Jahr beim Nachwuchsfestival in Backnang vergeben.

Ingrid Knack
(Ingrid Knack ist Redakteurin/Kultur bei der Backnanger Kreiszeitung und begleitete Wolle Kriwanek viele Jahre journalistisch.)